Exposé

Wir, die Gesellschaftsmaschine
In Mössingen steht das ehemalige Produktionsgelände der Pausa. Dort, in der großen Bogenhalle, bespielen Bürgerinnen und Bürger eine Installation, die die Verbildlichung einer sehr
ausformulierten Gesellschaftsform darstellt: eine „Gesellschaftsmaschine“. Sie ist das Herz des dort gelebten Lebens und ihr, ja, „Tempel“.

Die Schutzsuchenden - Gesellschaftsmaschine 

(Foto: Entwurf von Bühnenbildner Beni Küng)

Die Maschine soll aber auch das versinnlichte Abbild dieser gemeinschaftlichen Organisationsform sein. Die Maschine ist wie ein offen laufender Motor zu betrachten, man gewinnt Einsicht in ihre Komplexität, ihre ernorme Leistungsfähigkeit, ihre Anfälligkeit, auch ihre Rücksichtslosigkeit. Die Rangordnungen, die Arbeitsteilung, das Öffentliche, der private Raum, die Verwaltung, das Recht, die Institutionen, usw. Dies alles greift in der Maschine ineinander und lässt sie als bestens funktionierend erscheinen. Für dies Funktionieren der Maschine sorgen die Bewohnerinnen und Bewohner/das Volk, die sich aber zugleich dem System der Maschine unterwerfen. Sie sind die Garanten des Systems.

Transit
Das Publikum betritt als Passagier den Wartebereich eines Flughafens. Es tauscht die Eintrittskarte gegen einen Transitausweis. Die Zuschauerinnen und Zuschauer kommen an, werden willkommen geheißen, werden abgefertigt, durchgeschleust, erfasst, kontrolliert, usw. Sie sind jetzt im Transit.
Die Welt der Gesellschaftsmaschine bleibt für sie quasi „hinter der Glasscheibe“, der Zutritt zum System wird ihnen verwehrt.
Der Weg der Besucherinnen und Besucher führt an der „Maschine“ und den darin tätigen Menschen vorbei, bis ans Ende der Bogenhalle. Dort nehmen sie auf einer Tribüne Platz.
 

Die Anderen/Chor der jungen Frauen
Nun beginnt die eigentliche Handlung „der Schutzflehenden“:
50 junge Mädchen und Frauen betreten den Raum: Ein Schwarm, ein Strom, sie werden zu einer Phalanx, einer Armee, zu einem einzigen atmenden Körper. Zunächst sind sie nur anwesend. Dann beginnen sie, sich zu formulieren, zu sprechen. Dies „Die-Stimme-erheben“ wird zu einem Kampf, zu einem Ringen um das eigene Selbst dieser jungen Menschen: Sie haben ihre Heimat verlassen, sind auf der Flucht vor einer Hochzeit, zu welcher man sie zwingen möchte. Schon sind sie „Gejagte“, denn die Häscher sind ihnen bereitsauf den Fersen.
Aus Furcht vor männlicher Gewalt, aber auch vor einem fremdbestimmten Leben, wenden sie sich mit dem Bedürfnis nach Schutz an den Herrscher der Gesellschaftsmaschine. Sie fordern Schutz für Leib und Leben – und Respekt vor ihrem entschlossen Handeln.
Vor dem Volk/der Gesellschaft und ihrem Vertreter, dem König, wenden die jungen Frauen alle Mittel auf, um ihre Bedrängnis deutlich zu machen: sie fordern, bitten, klagen, fragen, schweigen, brechen zusammen, verzweifeln, drohen, schreien, singen, flüstern, erstarren, verführen.
Sie vollziehen ein Ritual, das der König wohl kennt: das Ritual des Schutzflehens, die Hikesie.
Als erste Erwiderung fordert der König von den Mädchen die Begründung ihres Rechts auf Asyl: „Wer seid Ihr, dass ihr glaubt ein Anrecht auf Schutz zu haben? Ist dieser Gesellschaft solch eine Last und Aufgabe zuzumuten?“ Die Antwort der Mädchen ist einfach und doch ein Rätsel: „Wir
sind nicht die Töchter der Nichts.“
Dieser Satz fordert das Recht auf freimütige Rede. Aber er ist auch ein Versprechen an das Gegenüber ihm etwas zu sein: Die Mädchen sprechen ihre Namen. Ein jedes stellt sich ins Licht, als ein kompletter Mensch mit Geschichte und Zukunft.

Die Schutzsuchenden - Armee

(Foto: Entwurf von Bühnenbildner Beni Küng)

Dies bewegt den Herrscher. Er gerät in einen tiefgreifenden Konflikt: Wiegt das Recht der jungen Frauen auf Schutz durch sein Volk schwerer als das Recht seines Volkes auf Schutz vor den Jägern der Schutzsuchenden? – Will heißen vor Krieg und möglicherweise vollständiger Auslöschung? -
Doch die Häscher haben bereits die Halle betreten und fordern ihr vermeintliches Recht auf die Frauen.
Das Volk/die Gesellschaft entscheidet: Man will den jungen Frauen Schutz gewähren!

 

Die Schutsuchenden - begehbare Blase 

(Foto: Entwurf von Bühnenbildner Beni Küng)

Utopia
Zum Abschluss soll versucht werden, ein Wunschbild (einen Zukunftstraum?) von Gemeinschaft herzustellen: Gemeinsam mit den Zuschauerinnen und Zuschauern entfalten alle Beteiligten eine riesige begehbare Blase – für kurze Zeit ein guter Ort, ein zerbrechlicher Raum der Begegnung, voll von Bildern, Gesang, Tanz… – Musik!

~ von dieschutzsuchenden am 7. März 2010.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

 
Follow

Get every new post delivered to your Inbox.